Stille Momente & das Multiple Lockdown-Portrait

Zwei Portraitreihen

Das Multiple Lockdown-Portrait (2020/21)

von Megan Müller

Mit Fortschritt der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 wurde das Tragen einer Maske zum Schutz für Selbst und Andere schlagartig zur Norm. Besonders die frühe Phase der Pandemie, geprägt von Stoffmasken und vorläufigen Hilfsmitteln, verunsicherte den Umgang mit Mitmenschen und veränderte, wie sich gegenübergetreten wurde. In Das Multiple Lockdown-Portrait fängt Stephanie Bahrke bereits im November 2020 diese neue Begegnungssituation ein. In neunzig Darstellungen verschiedener Personen mit der jeweiligen Lieblingsmaske über Mund und Nase zeichnen die Portraits das Bild eines neuen Normals, das von Solidarität und Mitgefühl, aber auch von Unsicherheiten und Ohnmacht geprägt ist. Dabei bilden die Portraits gemeinsam ein Werk, das für Betrachtende innerbildliche Zusammenhänge und spannende Fragen zulässt. Die Masken wirken weniger verhüllend, als dass sie zum individualistischen Ausdrucksmittel werden. Ein Moment des Mitfühlens entsteht, Betrachtende sind ebenso wie Dargestellte von der Pandemie und dem Maskentragen betroffen und können ihre Gefühle der Unsicherheit auf die Portraitreihe übertragen. Die Portraits stellen gemeinsam nicht eine anonyme Masse, sondern eine kollektive Erfahrung dar. Betrachtende stehen nicht neunzig gemalten Gesichtern gegenüber, sondern werden in der Betrachtung Teil des Erlebten. Trotz – oder gerade wegen – der Raum einnehmenden Masken stechen in diesen Darstellungen die Augen darüber hervor. Sie sind zum absoluten Ausdrucksmittel geworden, können nun alleine Emotionen transportieren und Begegnung zulassen.

Stille Momente (2021/22)

Ungefähr ein Jahr nach der Portraitreihe führt die Reihe Stille Momente als Gegenstück die Gedanken des Pandemie-Projekts weiter. Ohne Masken, dafür mit geschlossenen Augen, werden neunzig Portraitierte hier in einer neuen Situation eingefangen. Das Gegenüberstehen und Betrachten der Portraitreihe hat sich verändert – die Werke wirken stiller, intimer, von einer Reflexion und Ruhe erfüllt. Wo zuvor Augen als ausdruckstarkes Merkmal herausstachen, stark über die Masken hinwegblickten, fallen diese nun weg. Der Anblick eines Gesichts mit geschlossenen Augen und entspannten Zügen wirkt zunächst ungewohnt, die Betrachtungssituation beinahe voyeuristisch, findet so ein Moment im Alltag ja quasi nie statt. Die Ruhe der Portraitierten wirkt bis in den Betrachtendenraum hinein und vermittelt einen Eindruck der Einkehr und des Reflektierens nach mehreren Pandemiejahren. Zwar sind die Masken nach zwei Jahren durch Impfung und Immunisierung weitestgehend gefallen, dennoch bleibt eine gesellschaftliche Ausnahmesituation bestehen, die den gemeinschaftlichen Umgang nachhaltig verändert hat.

Jedes Portrait kann einzeln bestehen und betrachtet werden, jedoch bildet jede Portraitreihe ein umfangreiches Werk. Die Bezüge innerhalb der zwei Portraitreihen sind vielfältig und intensiv. Besonders die Portraits jener Personen, die sich für beide Reihen portraitieren ließen, haben gemeinsam eine starke Wirkkraft. Eine Betrachtung beider Reihen gemeinsam zeigt auf, dass die 180 Einzeldarstellungen einen gemeinsamen Fokus haben: Beziehungen und Gemeinschaft. Dies wird auch in der Situation der Entstehung deutlich. Um Teil des Projekts zu werden konnte sich jeder melden. Über Newsletter und Zeitungsartikel bis hin zum Aushang am Atelierfenster der Künstlerin im belebten Hamburger Stadtteil Winterhude und einem Beitrag der Künstlerin beim Sender NDR wurden Menschen auf das Portraitprojekt aufmerksam gemacht und bekamen die Möglichkeit teilzunehmen. Genau in der Zeit der pandemiebedingten Distanzierung begegnete die Künstlerin, unter Einhaltung der nötigen Hygienemaßnahmen, den Menschen in ihrem Atelier. Sie analysierte die Gesichter und portraitierte die Menschen, wie sie waren, im neuen Normal angekommen. Dafür nutzt Bahrke eine besondere Portraittechnik: Sie malt auf rohem Nessel, den sie zuvor nur mit Acrylbinder grundiert. So ziehen die Farben beim Malen in die Leinwand ein und ein Eindruck besonderer Materialität und Haptik entsteht. Die Gesichter wirken nicht aufgesetzt wie eine Maske, sondern tiefgreifender und lebendiger. Farbtöne, die subtil auf den realen Gesichtern durchscheinen, werden hervorgeholt und verstärkt. So wirken die Portraits noch individueller und lassen das bloße Darstellen der Person auf Leinwand hinter sich – sie werden zu lebendigen, künstlerischen Abbildern des Menschen.

Dabei werfen die Reihen gesellschaftlich relevante und tiefgründige menschliche Fragen auf, die im Kontext der vergangenen Jahre aktueller denn je erscheinen: Welchen Stellenwert hat Gemeinschaft in dieser individualistischen Gesellschaft? Sind kollektiv erlebte und gefühlte Einsamkeit und Distanzierung leichter erträglich und führt uns diese Erfahrung vielleicht schlussendlich näher zusammen? Wo liegen die gern übersehenen und unwichtig erscheinenden Aspekte der Begegnung, die doch so viel unserer Menschlichkeit ausmachen? Können wir wieder zusammenfinden? Bahrkes Portraits sagen: „Ja, das können wir!“ und setzen erste Zeichen eines gemeinsamen Reflektierens. Sie führen vor Augen, dass Gemeinschaft und Hoffnung im Kleinen beginnt: bei Nachbarn, Kollegen, Fremden auf der Straße oder mit dem Tragen einer Maske, mit dem vertrauensvollen Schließen der Augen – dem Wissen, nicht allein zu sein.

Das Multiple Lockdown-Portrait (2020/21)

von Megan Müller

Mit Fortschritt der Covid-19-Pandemie im Frühjahr 2020 wurde das Tragen einer Maske zum Schutz für Selbst und Andere schlagartig zur Norm. Besonders die frühe Phase der Pandemie, geprägt von Stoffmasken und vorläufigen Hilfsmitteln, verunsicherte den Umgang mit Mitmenschen und veränderte, wie sich gegenübergetreten wurde. In Das Multiple Lockdown-Portrait fängt Stephanie Bahrke bereits im November 2020 diese neue Begegnungssituation ein. In neunzig Darstellungen verschiedener Personen mit der jeweiligen Lieblingsmaske über Mund und Nase zeichnen die Portraits das Bild eines neuen Normals, das von Solidarität und Mitgefühl, aber auch von Unsicherheiten und Ohnmacht geprägt ist. Dabei bilden die Portraits gemeinsam ein Werk, das für Betrachtende innerbildliche Zusammenhänge und spannende Fragen zulässt. Die Masken wirken weniger verhüllend, als dass sie zum individualistischen Ausdrucksmittel werden. Ein Moment des Mitfühlens entsteht, Betrachtende sind ebenso wie Dargestellte von der Pandemie und dem Maskentragen betroffen und können ihre Gefühle der Unsicherheit auf die Portraitreihe übertragen. Die Portraits stellen gemeinsam nicht eine anonyme Masse, sondern eine kollektive Erfahrung dar. Betrachtende stehen nicht neunzig gemalten Gesichtern gegenüber, sondern werden in der Betrachtung Teil des Erlebten. Trotz – oder gerade wegen – der Raum einnehmenden Masken stechen in diesen Darstellungen die Augen darüber hervor. Sie sind zum absoluten Ausdrucksmittel geworden, können nun alleine Emotionen transportieren und Begegnung zulassen.

Stille Momente (2021/22)

Ungefähr ein Jahr nach der Portraitreihe führt die Reihe Stille Momente als Gegenstück die Gedanken des Pandemie-Projekts weiter. Ohne Masken, dafür mit geschlossenen Augen, werden neunzig Portraitierte hier in einer neuen Situation eingefangen. Das Gegenüberstehen und Betrachten der Portraitreihe hat sich verändert – die Werke wirken stiller, intimer, von einer Reflexion und Ruhe erfüllt. Wo zuvor Augen als ausdruckstarkes Merkmal herausstachen, stark über die Masken hinwegblickten, fallen diese nun weg. Der Anblick eines Gesichts mit geschlossenen Augen und entspannten Zügen wirkt zunächst ungewohnt, die Betrachtungssituation beinahe voyeuristisch, findet so ein Moment im Alltag ja quasi nie statt. Die Ruhe der Portraitierten wirkt bis in den Betrachtendenraum hinein und vermittelt einen Eindruck der Einkehr und des Reflektierens nach mehreren Pandemiejahren. Zwar sind die Masken nach zwei Jahren durch Impfung und Immunisierung weitestgehend gefallen, dennoch bleibt eine gesellschaftliche Ausnahmesituation bestehen, die den gemeinschaftlichen Umgang nachhaltig verändert hat.

Jedes Portrait kann einzeln bestehen und betrachtet werden, jedoch bildet jede Portraitreihe ein umfangreiches Werk. Die Bezüge innerhalb der zwei Portraitreihen sind vielfältig und intensiv. Besonders die Portraits jener Personen, die sich für beide Reihen portraitieren ließen, haben gemeinsam eine starke Wirkkraft. Eine Betrachtung beider Reihen gemeinsam zeigt auf, dass die 180 Einzeldarstellungen einen gemeinsamen Fokus haben: Beziehungen und Gemeinschaft. Dies wird auch in der Situation der Entstehung deutlich. Um Teil des Projekts zu werden konnte sich jeder melden. Über Newsletter und Zeitungsartikel bis hin zum Aushang am Atelierfenster der Künstlerin im belebten Hamburger Stadtteil Winterhude und einem Beitrag der Künstlerin beim Sender NDR wurden Menschen auf das Portraitprojekt aufmerksam gemacht und bekamen die Möglichkeit teilzunehmen. Genau in der Zeit der pandemiebedingten Distanzierung begegnete die Künstlerin, unter Einhaltung der nötigen Hygienemaßnahmen, den Menschen in ihrem Atelier. Sie analysierte die Gesichter und portraitierte die Menschen, wie sie waren, im neuen Normal angekommen. Dafür nutzt Bahrke eine besondere Portraittechnik: Sie malt auf rohem Nessel, den sie zuvor nur mit Acrylbinder grundiert. So ziehen die Farben beim Malen in die Leinwand ein und ein Eindruck besonderer Materialität und Haptik entsteht. Die Gesichter wirken nicht aufgesetzt wie eine Maske, sondern tiefgreifender und lebendiger. Farbtöne, die subtil auf den realen Gesichtern durchscheinen, werden hervorgeholt und verstärkt. So wirken die Portraits noch individueller und lassen das bloße Darstellen der Person auf Leinwand hinter sich – sie werden zu lebendigen, künstlerischen Abbildern des Menschen.

Dabei werfen die Reihen gesellschaftlich relevante und tiefgründige menschliche Fragen auf, die im Kontext der vergangenen Jahre aktueller denn je erscheinen: Welchen Stellenwert hat Gemeinschaft in dieser individualistischen Gesellschaft? Sind kollektiv erlebte und gefühlte Einsamkeit und Distanzierung leichter erträglich und führt uns diese Erfahrung vielleicht schlussendlich näher zusammen? Wo liegen die gern übersehenen und unwichtig erscheinenden Aspekte der Begegnung, die doch so viel unserer Menschlichkeit ausmachen? Können wir wieder zusammenfinden? Bahrkes Portraits sagen: „Ja, das können wir!“ und setzen erste Zeichen eines gemeinsamen Reflektierens. Sie führen vor Augen, dass Gemeinschaft und Hoffnung im Kleinen beginnt: bei Nachbarn, Kollegen, Fremden auf der Straße oder mit dem Tragen einer Maske, mit dem vertrauensvollen Schließen der Augen – dem Wissen, nicht allein zu sein.

Stille Momente

10% der Einnahmen der Stillen Momente gehen als Spende an die #coronakuenstlerhilfe

Seit über 20 Jahren arbeite ich ohne Nebenjob freiberuflich als Künstlerin. Ich weiß sehr gut, was es heißt, ohne geregeltes Einkommen zu leben und auch schwere Zeiten mit Kunst und Kreativität zu überstehen. Dank meines Lockdown-Projektes  bin ich sehr gut durch diese für Kunst und Kultur existenzbedrohende Krise gekommen. Vielen anderen Künstler:innen erging es nicht so gut wie mir, und deshalb möchte ich etwas vom Erlös des zweiten Teils meines Projektes über die #coronakuenstlerhilfe denjenigen Kolleg:innen abgeben, die es besonders hart getroffen hat. Diese tolle Initiative leitet die Spenden direkt an Kunst- und Kulturschaffende weiter, besonders an jene, die durch das Raster staatlicher Soforthilfe fallen.

„Die Kultur- und Kreativbranche befindet sich nach wie vor, auch mit 2G- und 3G-Regelungen, in einer prekären Lage, da die Auftragslage knapp ist, jedoch alle Kunstschaffenden, vor allem in der Live-Branche, wieder zurück in ihre Berufe wollen. Wir brauchen eine Gesellschaft, die den ideellen sowie den materiellen Wert der Branche anerkennt, … sodass auch eine Subkultur in Zeiten einer Krise überleben kann.“

Rebekka Antonia Eitel, #coronakuenstlerhilfe

Das Multiple Lockdown-Portrait

10% der Einnahmen vom Multiplen Lockdown-Portrait gingen an den Familienhafen

Wie viele wissen, liegen mir meine Erinnerungsportraits besonders am Herzen. Um diese Arbeit bekannter zu machen, bin ich z. B. regelmäßig auf der Messe „Leben und Tod“ vertreten, suche und bin in Kontakt mit Bestattern, Sterbebegleitern, Psychologen, Trauergruppen und Hospizen. So habe ich vom Familienhafen gehört.

Der Familienhafen Hamburg unterstützt Familien unheilbar erkrankter Kinder mit ehrenamtlichen Helfern (Lotsen) im extrem belasteten Alltag. Er benötigt für seinen Betrieb viele Spender (Matrosen). Ich möchte mit dieser Aktion gemeinsam mit Ihnen und dem Atelier unter der Linde den Familienhafen als „Matrose“ an Bord unterstützen. Im Atelier steht für spontane Spenden immer noch eine Spendendose bereit!

Making Of

Das Multiple Lockdown-Portrait in der Presse